Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 2


 

Charlotte Roche: Feuchtgebiete, DuMont Buchverlag, Köln 2008, 220 S., ISBN 978-3-8321-8057-7, 14,90 €

„Später mussten wir kotzen. Erst Corinna, dann von dem Geräusch und dem Geruch ich. In einen großen weißen Putzeimer. Die Kotze sah aus wie Blut, wegen dem Rotwein. Wir brauchten aber lange, um dahinterzukommen. Und dann schwammen da überall nicht verdaute Pillen drin rum. Das kam uns wie eine schlimme Verschwendung vor. Ich: ‚Halbe, halbe?‘ Corinna: ‚Ja, du zuerst!‘ Und so hab ich zum ersten Mal in meinem Leben literweise Kotze von einem anderen Menschen getrunken. Gemischt mit meiner. In großen Schlucken. Immer abwechselnd. Bis der Eimer leer war.“ – So schreibt Charlotte Roche auf S. 63 ihrer „Feuchtgebiete“. Man sieht: Die Autorin ist entschlossen, kein Blatt vor den Mund zu nehmen; vom Feigenblatt vor den unteren Regionen ganz zu schweigen. Unermüdlich erzählt uns die Protagonistin und Ich-Erzählerin von ihrem „Arsch“, möchte indes aus nicht weiter ausgeführten Gründen nicht „Fotze“ sagen, sondern lieber „Muschi“ (S. 118). Das tut sie dann auch innigst und ausgiebig.

 

Der Plot ist infolge der unglaublichen Verbreitung des Romans inzwischen allerorten geläufig: Das achtzehnjährige Scheidungskind Helen Memel liegt im Krankenhaus und möchte unbedingt seine Eltern wieder zusammenführen, was am Ende mißlingt. In der Zwischenzeit monologisiert sie, indem sie den Leser alles Mögliche und Unmögliche über ihr Intimleben, speziell eben über die Beschaffenheit ihrer jugendlichen Weiblichkeit wissen läßt. Noch vor wenigen Jahren hätte man von schlimmer sittlicher Verwahrlosung oder von schwerwiegenden Entwicklungsstörungen gesprochen, doch haben sich die Zeiten wie im Fluge geändert. Man liest das alles so und schämt sich allenfalls dann, wenn man es schamlos findet. Empfindsame Naturen mögen nach der Lektüre einen Waschzwang entwickeln oder einen erhöhten Verbrauch von Magentabletten zu verzeichnen haben. Man hört, daß es der Autorin einerlei ist, wenn Männer (und Frauen?) den Text als „Wichsvorlage“ hernehmen.

Wer bis vor noch ein paar Monaten sein ahnungsloses Leben gefristet hatte, ohne sich um Analfissuren zu scheren, weiß nun Bescheid. Authentisch ist das minutiös Berichtete angeblich, weil die Autorin, bislang nur als Moderatorin des Privatjugendsenders VIVA (in dieser Eigenschaft soll sie einmal mit ihren unrasierten Achselhaaren einen Skandal provoziert haben) bekannt, vor Abfassung des Buches gründliche Recherchen in proktologischen Klinikstationen und – als „Freierin“ – in Bordellen vorgenommen hat. Autobiographisch sei jedoch nur, sagt sie in Interviews, daß sie unter der Trennung ihrer Eltern gelitten habe. Dann wiederum tut sie kund, siebzig Prozent des im Roman Erzählten sei aus eigenem Leben und Erleben geschöpft. Man weiß nicht, was wahr und was zu PR-Zwecken erfunden ist.

Als Talkshowgast purifiziert sie sich, indem sie vor ihrem eigenen Buch warnt: Lesern unter einundzwanzig sei es nicht zuzumuten; sie habe große Angst davor, daß ihr eigenes Kind das Buch liest. So weiß der geschärfte Leser, was auf ihn zukommt. Er sollte sich aber nicht beschweren, weil es ihm ja genau darum ging, als er das Buch erstand und sich die Teilnahme an der Exkursion in die Feuchtgebiete sicherte. Auch er wollte schließlich mit dabei sein, wenn alle das feminine Unten durchstöbern und „alles, was mit guten Gründen verdeckt gehalten wird, entschleiern, aufdecken, in helles Licht stellen wollen“. Dem taktlosen Vorwitz hält Nietzsche entgegen: „Wir glauben nicht mehr daran, daß Wahrheit noch Wahrheit bleibt, wenn man ihr die Schleier abzieht; wir haben genug gelebt, um dies zu glauben. Heute gilt es uns als eine Sache der Schicklichkeit, daß man nicht alles nackt sehn, nicht bei allem dabei sein, nicht alles verstehn und ‚wissen‘ wolle. ‚Ist es wahr, daß der liebe Gott überall zugegen ist?‘, fragte ein kleines Mädchen seine Mutter: ‚aber ich finde das unanständig‘ – ein Wink für Philosophen! Man sollte die Scham besser in Ehren halten, mit der sich die Natur hinter Rätsel und bunte Ungewißheiten versteckt hat. Vielleicht ist die Wahrheit ein Weib, das Gründe hat, ihre Gründe nicht sehen zu lassen? Vielleicht ist ihr Name, griechisch zu reden, Baubo?“

Über diese Stellen aus der Vorrede zur 2. Ausgabe der „Fröhlichen Wissenschaft“ läßt sich trefflich räsonieren. Der weibliche Schoß (Baubo) – ein tabuiertes Terrain; das Inbild des Sichverbergens und des Verhülltseins! Die nackte ist nicht die ganze, jedenfalls nicht die beste Wahrheit.

Nietzsches Kult der Oberfläche kompensiert die Delegitimation metaphysischer Gewißheiten ästhetizistisch. Roche legitimiert ihre – sit venia verbo stinkende – Ästhetik des Unterleibs quasimetaphysisch: mit einem kruden Rousseauismus (je ungewaschener, desto natürlicher), der sich mit einem atheistischen Animalismus à la Michael Schmidt-Salomon paart: „Mein Ziel ist, dass es leicht und betörend aus der Hose riecht, auch durch dicke Jeans oder Skihosen. Das wird von den Männern dann nicht bewusst wahrgenommen, aber doch unterschwellig, weil wir ja alle Tiere sind, die sich paaren wollen. Am liebsten mit Menschen, die nach Muschi riechen. [...] Du bist dir ja sicher dass [sic] es keinen Himmel gibt. Dass wir nur hochentwickelte Tiere sind. Die nach dem Tod einfach in der Erde verschimmeln und von Würmern zerfressen werden. Da gibt es nicht die Möglichkeit, nach dem Tod auf die geliebten Elterntiere runterzugucken. Alles wird einfach aufgefressen. Die angebliche Seele, das Gedächtnis, jede Erinnerung und die Liebe werden zusammen mit dem Gehirn einfach zu Wurmscheiße verarbeitet. Auch die Augen. Und die Muschi. Da machen Würmer keinen Unterschied. Die essen Synapsen genauso gerne wie Klitorisse.“ (S. 18/176)

Ist das nun besonders naiv, oder ist es besonders gescheit und durchdacht? Auf alle Fälle hat es Methode, wenn Helen Memel von Anfang bis Ende das Christentum denunziert und seine Symbole malträtiert; das ist die alte Strategie der sexuellen Libertinage, die, um guten Gewissens das Sittengesetz übertreten zu können, die religiösen Dogmen schlägt. Helen Memel tauft den Raum, in dem sie ihren Fingern, Phantasien und Flüssigkeiten freien Lauf läßt „Atheistenkrankenzimmer“ (S. 93). Ein andermal sagt sie: „Habe ja hier in meinem langweiligen Atheistenzimmer genug Zeit, mir alles Mögliche auszudenken.“ (S. 99)

Man wird aufmerken dürfen: Sollte dieser letzte Satz, der sich bereitwillig und deutungsbegierig dem interpretatorischen Zugriff öffnet, nicht etwa eine melancholische Zeitdiagnose enthalten dergestalt, daß die Abwesenheit Gottes es ist, wovon die Hormongespenster erst angelockt werden?

Gleichviel, man kommt, wie man es dreht und wendet, um die Tatsache nicht herum, daß es sich bei den „Feuchtgebieten“ zu allererst um Pornographie handelt, zweifellos um Pornographie der harten Sorte. Wie ist eine so nette junge Ehefrau und Mutter nur auf die Idee verfallen, so etwas so zu schreiben? Sieht so Frauenliteratur von heute aus?

Sicher, ein Mädchen, das sich frank und frei zum „Ficken“ als ihrem „Hobby“ (S. 38) bekennt, wird zwar nicht unbedingt auf Standing ovations aus der „Emma“-Ecke spekulieren, befindet sich aber nichtsdestoweniger in gut frauenrechtlerischer Tradition: Solche frivolen Blüten wachsen immer wieder auf dem Zweig des Feminismus, der fröhlich der „freien Liebe“ huldigt und dessen prächtigstes Exemplar die Gräfin Franziska zu Reventlow war, die schon um die vorletzte Jahrhundertwende meinte: „Nun Gott sei Dank, unsere christliche Gesellschaftsmoral hat sich mehr wie gründlich überlebt, die letzten Jahrzehnte, die moderne Bewegung hat die junge Generation wieder etwas von der mutigen Frohheit des Heidentums gelehrt. Wir haben angefangen die alten Gesetzes-Tafeln zu zerbrechen. Warum sollte das moderne Heidentum uns nicht auch ein modernes Hetärentum bringen?“ („Viragines oder Hetären“) Allerdings sind die Schriften der Gräfin Reventlow voller Liebreiz und Esprit.Ihr wäre es nicht im Traum eingefallen, einen solch widerlichen Schmutz aus der Feder fließen zu lassen wie Roche und der ohnehin kontaminierten Mitwelt so Mundschutz und Nasenklammer aufzuzwingen, bloß weil „Bakterien verbreiten“ (S. 112) auch zu ihren „Hobbys“ zählt.

Ludwig Klages sah in der lebens- und liebeslustigen Gräfin die „heidnische Heilige“ schlechthin. Er selbst ließ sich von Bachofens „Mutterrecht“ fesseln, schwärmte in seinem Hauptwerk „Der Geist als Widersacher der Seele“ Anfang der dreißiger Jahre von der „Sumpfbeziehung“ der pelasgischen Magna Mater und gab sich inspiriert vom vorgeschichtlichen Aphroditekult, der sich „mit Vorliebe in feuchten Gründen“ abgespielt habe. Und: „‚Helena‘ heißt geradezu hélos (‚Sumpf‘)“, etymologisierte Klages, als hätte er Roches Heldin Helen vorausgeahnt, die damit prahlt, „den ganzen Tag über sehr feucht“ (S. 21) zu sein.

Nun ist es gerade einmal drei Dekaden her, daß 1977, ein Jahr vor der Geburt unserer Autorin, Klaus Theweleits damaliger Bestseller „Männerphantasien“ erschien, der uns davor warnte, all diesen feuchten Dingen wie „Schlamm“, „Sumpf“ oder „Schleim“ mit Abwehr zu begegnen. (Rowohlt 1980, Bd. 1, S. 401ff.) Hatten denn nicht die präfaschistischen „soldatischen Männer“ mit ihrem „Weißen Terror“ zwischen den Weltkriegen vorexerziert, welche Katastrophenfolgen entstehen, wenn man sich gegen den freien Lauf, gegen das ungehemmte Ausfließen der Wunsch- und Lustströme panzert? „Die sogenannte Sauberkeitserziehung“, so Theweleit, „zeigt sich also als ein Vorgang der Trockenlegung und der Installation von Schuldgefühlen. Die traditionelle Psychoanalyse beschränkt deren Folgen zu Unrecht auf die Erzeugung des ‚analen‘ Typus, des Zwangscharakters der Ordnung, des Pedanten, des Sammlers, Statistikers aus Lust, des bürofähigen Menschen oder begeisterten Positivisten. Die Folgen der ‚Sauberkeitserziehung‘ sind wohl umfassender. Sie erscheint, in ihrem Zwang zur Trockenlegung, als der zentrale Eingriff zur Durchsetzung der Sexualunterdrückung im weitesten Sinn“. (Rowohlt 1980, Bd. 1, S. 429)

Man lese das ruhig noch einmal gründlich und entspannt nach! Denn sollte das noch gelten, dann wären Charlottes Roches „Feuchtgebiete“ jedermann dringlichst anzuraten – als Programmschrift zur Beförderung der Humanität: Nie wieder Faschismus, nie wieder parfümierte Slipeinlagen, nie wieder Krieg!

Franz Siepe

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